Kurz gesagt
RetroArch mit einem Arcade-Core ist bequemer und bringt RunAhead mit, das aktuelle Standalone-MAME emuliert dagegen mehr Spiele und ist näher an der Originaltreue.
Inhalt
Die Frage taucht bei fast jedem auf, der zum ersten Mal einen Arcade-Automaten emulieren will: Installiere ich das komplette MAME oder nehme ich einfach den MAME-Core in RetroArch, den ich für meine Konsolen sowieso schon offen habe? Ob MAME oder RetroArch am Ende besser passt, hängt von deiner Hardware, deinen Titeln und deinem Anspruch an Genauigkeit ab. Beide Wege spielen dieselben Klassiker, aber sie verhalten sich in Kompatibilität, Komfort und Genauigkeit deutlich anders. Statt bei „kommt drauf an“ stehen zu bleiben, gehen wir die konkreten Unterschiede durch, damit du dich an einem Nachmittag festlegen kannst.
Standalone-MAME vs. MAME-Core in RetroArch
Standalone-MAME ist das Original-Projekt vom MAME-Team. Es ist ein einziges großes Programm, das den aktuellen Emulations-Stand von tausenden Automaten abbildet und exakt zu seinem passenden Romset gehört. Du bekommst die volle Konfiguration über die mame.ini, das Tab-Menü im laufenden Spiel und Zugriff auf Artwork, CHDs und Software-Listen.
RetroArch dagegen ist eine Oberfläche, die Emulatoren als sogenannte Cores lädt. Der Arcade-Teil ist also nicht ein Programm, sondern eine Handvoll austauschbarer Cores, die alle unter dem RetroArch-Dach laufen. Der Vorteil: ein einheitliches Menü, eine gemeinsame Controller-Konfiguration und Funktionen wie Shader, RunAhead und Netplay, die für jeden Core gelten. Der Preis: du musst wissen, welcher Core zu welchem Romset gehört, sonst startet nichts.
Kurz gesagt bekommst du bei Standalone mehr Tiefe und aktuelle Emulation, bei RetroArch mehr Komfort und ein System für alles.
Die Core-Varianten (mame, mame2003-plus, fbneo)
RetroArch hat nicht „den“ MAME-Core, sondern mehrere, die sich am Alter der zugrunde liegenden MAME-Version unterscheiden. Die drei wichtigsten:
- mame (oft „current MAME“ genannt): folgt der aktuellen MAME-Version und ist damit am nächsten am Standalone-Stand. Braucht aber viel Rechenleistung und ein topaktuelles Romset.
- mame2003-plus: basiert auf dem alten MAME 0.78, wurde aber von der Community mit hunderten zusätzlichen Spielen und Fixes erweitert. Läuft schon auf schwacher Hardware (Raspberry Pi, alte Handhelds) und ist extrem beliebt für Retro-Handhelds.
- fbneo (FinalBurn Neo): kein MAME, sondern ein eigener Arcade-Emulator mit Schwerpunkt auf CPS1, CPS2, CPS3, Neo Geo und Cave-Shootern. Sehr sauber, schlank und mit exzellenter Kompatibilität in seinem Kernbereich.
Daneben gibt es Zwischenstände wie mame2010 (0.139), mame2015 (0.160) und mame2016 (0.174), die vor allem als Kompromiss zwischen Leistung und Abdeckung existieren. Für Einsteiger reicht die Entscheidung zwischen mame2003-plus (leicht) und current mame (genau) plus fbneo für die großen Fighter- und Neo-Geo-Titel.
Romset-Kompatibilität je Core
Das ist die Stelle, an der die meisten scheitern. Jeder Core erwartet ein Romset, das exakt zu seiner Version passt. Ein Set für current MAME startet nicht im mame2003-plus-Core, und umgekehrt genauso wenig. Die Datei-Namen können identisch aussehen, die enthaltenen Dumps und Checksummen unterscheiden sich aber.
Merke dir die Zuordnung:
- current mame braucht das Romset der passenden aktuellen MAME-Version (also zum Beispiel ein 0.27x-Set zu einem 0.27x-Core).
- mame2003-plus braucht das spezielle mame2003-plus-Set, das die Community pflegt. Ein normales 0.78-Set reicht nicht, weil die Zusatzspiele fehlen.
- fbneo braucht ein FBNeo-Romset, das zur installierten Core-Version gehört und nichts mit MAME-Sets zu tun hat.
Wenn ein Spiel „ROM not found“ oder einen Checksummen-Fehler wirft, liegt es fast immer an der falschen Set-Version für den gewählten Core. In der libretro-Dokumentation steht zu jedem Core, welche Set-Version er erwartet. Dieselbe Kombinationslogik aus merged, split und non-merged gilt hier wie im Standalone. Für BIOS-lastige Systeme wie Neo Geo oder CPS musst du zusätzlich die richtigen BIOS-Dateien im Ordner haben, dazu findest du Details unter Neo Geo und CPS BIOS richtig ablegen.
Rechtlich sauber ist die ganze Sache nur, wenn die ROMs von deiner eigenen Platine stammen (selbst gedumpt), aus offiziell freigegebenen Sets, aus Homebrew oder aus gekauften Compilations und Re-Releases kommen. Die kommerziellen Arcade-Spiele sind in aller Regel urheberrechtlich geschützt, die technische Wahl des Weges ändert daran nichts.
Komfort: Shader, RunAhead, Netplay
Hier spielt RetroArch seine größte Stärke aus. Drei Funktionen bekommst du dort ohne Bastelei für jeden Arcade-Core:
RunAhead lässt den Core ein oder mehrere Frames vorausrechnen und versteckt so die Eingabelatenz, die durch die interne Verzögerung mancher Spiele entsteht. Bei Prügelspielen und Shootern ist der Unterschied deutlich spürbar. Standalone-MAME kennt kein RunAhead. Es hat mit „frame delay“ einen eigenen Ansatz, der aber anders funktioniert und mehr Feinjustierung braucht. Wer generell an der Latenz feilen will, findet die Grundlagen unter Input-Lag reduzieren.
Shader sind in RetroArch als slang- und glsl-Presets sofort verfügbar, inklusive der bekannten CRT-Filter. Standalone-MAME kann über BGFX und (unter Windows) HLSL ebenfalls sehr gute CRT-Effekte, die Auswahl und das Umschalten sind in RetroArch aber komfortabler.
Netplay funktioniert in RetroArch mit passenden Cores wie fbneo und mame2003-plus recht zuverlässig. Standalone-MAME hat von Haus aus kein echtes Online-Multiplayer-Feature.
Genauigkeit und Spielabdeckung
Beim Thema Originaltreue führt kein Weg an current MAME vorbei. Das Projekt ist zugleich Emulator und Preservation-Archiv, es dokumentiert Hardware bis ins Detail und emuliert deutlich über 40.000 Maschinen. Wenn ein obskurer Automat, ein Pinball, ein Rechenspiel oder eine seltene Regionalvariante überhaupt läuft, dann meist nur im aktuellen Standalone-MAME oder im dazu passenden current-mame-Core.
mame2003-plus deckt die populären Klassiker sehr gut ab und fügt Spiele hinzu, die das reine 0.78 nicht hatte, bleibt aber beim alten Emulations-Stand. Manche Titel laufen dort mit kleinen Timing- oder Sound-Ungenauigkeiten, die in current MAME längst behoben sind. fbneo ist in seinem Bereich (CPS, Neo Geo, Cave) oft besonders sauber und performant, deckt außerhalb davon aber weniger ab.
Für maximale Genauigkeit auf CRT-Hardware lohnt außerdem ein Blick auf GroovyMAME, einen Fork von Standalone-MAME, der native Auflösungen und Frequenzen für echte Röhren erzeugt. Für einen normalen Flachbildschirm ist er aber Overkill.
Welcher Weg für welchen Nutzer
Ein paar klare Empfehlungen, damit du dich festlegen kannst:
- Du willst schnell die großen Klassiker auf schwacher Hardware: RetroArch mit mame2003-plus, dazu fbneo für die Neo-Geo- und CPS-Titel.
- Du hast schon RetroArch für Konsolen und willst eine Oberfläche für alles: RetroArch mit fbneo als Hauptcore und current mame für den Rest.
- Du willst maximale Abdeckung, seltene Automaten und den aktuellen Emulations-Stand: Standalone-MAME, aktuelle Version, passendes Set.
- Du bist Wettkampfspieler und jede Millisekunde zählt: RetroArch wegen RunAhead, es sei denn, du beherrschst frame delay im Standalone.
- Du betreibst einen echten Röhrenmonitor: GroovyMAME.
Beides sinnvoll kombinieren
Du musst dich nicht endgültig entscheiden. Viele erfahrene Bastler fahren zweigleisig: Standalone-MAME als Referenz für alles Seltene und für die aktuellste Emulation, dazu RetroArch mit fbneo und mame2003-plus für den bequemen Alltag mit Shadern und RunAhead.
Ein Frontend hält beide Wege unter einem Dach. In LaunchBox und BigBox kannst du einzelne Spiele gezielt entweder an Standalone-MAME oder an einen RetroArch-Core übergeben, je nachdem, was besser läuft. Wer lieber ein schlankes, hochgradig anpassbares Menü mag, richtet sich stattdessen Attract-Mode ein und hinterlegt dort pro System den passenden Emulator.
So läuft Seltenes und Aktuelles im Standalone, während der bequeme Alltag über RetroArch mit Shadern und RunAhead geht, ohne dass du dich auf einen einzigen Weg festlegen musst.
mame.app ist unabhängig und erhält für Empfehlungen kein Geld. Angaben zum Recht sind eine allgemeine Einordnung, keine Rechtsberatung. Software und Rechtslage können sich ändern.